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Total-Ausverkauf und eine Kriegserklärung an das griechische Volk     
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14 Juli 2015 Autor:  Ernst Wolff  |  Kommentar(e): 6

Nur wenige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der Syriza-Regierung in Athen haben die Kreditgeber an diesem Wochenende alle Zurückhaltung über Bord geworfen und eine klare und unmissverständliche Botschaft an die Weltöffentlichkeit ausgesandt. Sie kommt einem Total-Ausverkauf Griechenlands und einer Kriegserklärung an das griechische Volk gleich.

Die Troika demütigt Griechenland:  Humanitäre Katastrophen interessieren nicht

Wirtschaftliche Erholung? interessiert uns nicht.

Die Forderungen gehen weit über das Kompromissangebot, das Syriza vergangene Woche vorgelegt hat, hinaus und machen vor allem eines klar: Es geht nicht um eine Erholung der griechischen Wirtschaft und auch nicht um die Wiederherstellung der Zahlungsfähigkeit des Landes. Es geht einzig und allein um die Absicherung internationaler Großbanken und um die rücksichtslose Plünderung eines Landes vor seinem endgültigen Zusammenbruch. Leidtragende werden in erster Linie wieder die schwächsten und hilfsbedürftigsten Mitglieder der Gesellschaft sein.

Entgegen dem von Politikern wie Jean-Claude Juncker oder Martin Schulz in zahlreichen Talkshows geheuchelten Mitleid mit der humanitären Katastrophe in Griechenland wird dem Land eine weitere Reform der Altersrenten zugemutet, die viele griechische Senioren endgültig in Armut und Hunger treiben wird. Selbst die unfassbare Zahl von siebentausend Selbstmorden verzweifelter und durch sechs Sparprogramme um ihre Existenz gebrachter Menschen hält die Bürokraten aus Brüssel, Frankfurt und Washington nicht von dieser Maßnahme ab, die auch noch von einer Erhöhung der  Mehrwertsteuer – von der die Ärmsten immer am härtesten betroffen sind – begleitet wird.

 

Privatisierung – wider alle Erfahrungswerte

Die geforderte Privatisierung des staatlichen Stromnetzbetreibers Admie wird nicht nur Rentner und Sozialhilfeempfänger, sondern sämtliche Bezieher kleiner Einkommen in noch größere Not bringen. Wie diverse Beispiele dieser vom IWF in zahlreichen Ländern bereits erprobten Maßnahme zeigen, werden die ausländischen Konzerne, die diesen Wirtschaftsbereich übernehmen, alles daran setzen, in kürzest möglicher Zeit höchstmögliche Profite zu erwirtschaften. Ein Blick nach Nigeria, wo diese Maßnahme zuletzt durchgeführt wurde, zeigt zudem, dass sich die Versorgungslage nach der Privatisierung erheblich verschlechtert.

Im übrigen dient dieser Schritt wie auch die Einrichtung des Treuhandfonds, an den griechisches Staatsvermögen im Werte von 50 Mrd. Euro übertragen werden soll, einer ganz bewussten Schwächung und Demütigung der durch ihren Wahlbetrug am griechischen Volk ohnehin angeschlagenen Syriza-Regierung. Der Versorgungsbereich in Griechenland wird nämlich weitgehend von den Gewerkschaften beherrscht. Syrizas erzwungene Zustimmung zu seiner Privatisierung kommt einem erzwungenen Selbstmord auf Raten gleich und bereitet einen Regime-Wechsel in Athen vor. Grund dafür ist die Tatsache, dass die Troika an Syriza ein Exempel statuieren möchte: Auch wenn Tsipras und seine Weggefährten in der vergangenen Woche bedingungslos kapituliert haben, wird die Troika ihnen ihre fünfmonatige – wenn auch nur halbherzig und zur Täuschung griechischer Wähler durchgehaltene – Auflehnung gegen die Austeritätspolitik niemals verzeihen.

Darauf zielt auch die ausdrückliche Forderung ab, alle ins Parlament eingebrachten Gesetzesentwürfe in Zukunft Wort für Wort mit der Troika abzusprechen - eine Maßnahme, die die seit 2010 nicht mehr vorhandene Souveränität des Staates Griechenland noch einmal drastisch unterstreicht.  

 

Die Mittelschicht wird stranguliert

 Die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer (vor allem der im gastronomischen Bereich) ist der Todesstoß für zahllose Familienbetriebe, von denen einhundertachtzigtausend bereits mit dem Bankrott kämpfen. Sie wird die Zahl der siebzigtausend bereits in den Konkurs getriebenen Betriebe dramatisch erhöhen. Lokal gefärbte Cafés, Bistros und Restaurants werden globalen Ketten wie Starbucks, McDonalds oder Subway weichen und das Gesicht der Städte grundlegend verändern.

Die geplanten Arbeitsmarktreformen, die die Ausbeutung der ohnehin ums Überleben kämpfenden Beschäftigten noch weiter verschärfen und auch auf den ersten Blick weniger wichtige Maßnahmen wie die Ausweitung der Ladungsöffnungszeiten auf den Sonntag werden vor allem kleine und mittelständische Betriebe treffen und zeigen symbolisch, wohin die Reise geht: Im Hintergrund lauern bereits hunderte große international operierende Konzerne, um alles, was sich ihnen in Griechenland an mittelständischen Betrieben bietet, zu schlucken oder nach deren Konkurs durch eigene Filialen zu ersetzen.  

Aber nicht nur Investoren warten: Auch Spekulanten aus aller Welt stehen Gewehr bei Fuß, um demnächst auf Einkaufstour zu gehen und die finanzielle Not der Inländer und der griechischen Banken auszunutzen, um ihnen Aktien, Immobilien und andere Vermögenswerte zu Spottpreisen abzukaufen. Währungsspekulanten rechnen bereits durch, in welcher Höhe sie sich in Griechenland verschulden sollen, um ihre Kredite nach der Einführung einer Parallelwährung, deren Wert um mindestens 50 Prozent unter dem Euro liegen wird, zurückzuzahlen und auf diese Weise auf Kosten des griechischen Volkes Kasse zu machen.

Die endgültige Katastrophe wird nur aufgeschoben

Die abgrundtiefe  Bösartigkeit, die sich hinter diesem Szenario verbirgt, ist kaum fassen, denn selbst wenn Griechenland alle Maßnahmen erfüllen sollte, die ihm von den Geldgebern aufgezwungen werden, so wird das seinen Untergang nicht verhindern. Der Schuldenberg ist so riesig, dass er niemals zurückgezahlt werden kann. Und alle jetzt angeordneten Maßnahmen werden dazu führen, dass die Wirtschaft weiter in die Knie gezwungen und die Einnahmen des Staates weiter verringert werden.

Das heißt: Die Finanzsituation Griechenlands wird sich auch zukünftig von Tag zu Tag verschlechtern und mit unerbittlicher Logik zum finalen Crash führen. Aber selbst diesen Fall haben die Geldgeber bereits in ihren Master-Stufenplan integriert: Auf Stufe 1 lautet die Devise: Die Folgen der Krise so lange wie möglich auf das griechische Volk abwälzen, um sich selbst, so weit es irgend geht, daran zu bereichern. Stufe 2 soll gezündet werden, wenn die Katastrophe eingetreten ist. Dann wollen die Geldgeber mit prall gefüllten Portemonnaies über ein zerstörtes und am Boden liegendes Land herfallen und es „wieder aufbauen“.

Zwei unberechenbare Faktoren

 Es gibt in diesem Kalkül jedoch zwei unberechenbare Faktoren: Zum einen die Tatsache, dass ein jederzeit möglicher Zusammenbruch des globalen Finanzsystems alle Zukunftspläne zunichte machen könnte. Um diesen Crash zu verhindern, tun die Zentralbanken in aller Welt derzeit alles, was in ihrer Macht steht: Das Zinsniveau wird immer weiter nach unten (bis in den Minusbereich) gedrückt und es wird ohne Rücksicht auf (zukünftige) Verluste immer mehr Geld erzeugt und den Großbanken zur Spekulation an den Finanzmärkten zur Verfügung gestellt – alles Maßnahmen, die nur noch begrenzt wirken werden und zwangsläufig zur Zerstörung des globalen Finanzsystems führen.

Der zweite unkalkulierbare Faktor ist der Widerstand des griechischen Volkes. Den haben Tsipras und seine politischen Helfershelfer durch ihren historischen Verrat vorerst einmal schwer erschüttert. Die Menschen in ganz Griechenland befinden sich seit Tagen in einer Art Schockstarre. Doch wenn die Bilanz von zweitausend Jahren menschlicher Geschichte auch nur eine bedeutende Lehre enthält, dann diese: Kein Volk ist auf Dauer bereit, seinen eigenen Untergang kampflos hinzunehmen. Auch Griechenland nicht. Und auch Menschen nicht, die bis vor einer Woche den Lügen von politischen Falschspielern wie Tsipras und Varoufakis geglaubt haben. Deshalb wird die Durchsetzung der von den Geldgebern geforderten Maßnahmen in den kommenden Tagen dazu führen, dass sich das griechische Volk nicht nur gegen sie, sondern auch gegen deren Verbündete in der Regierung in Athen erhebt.

Was dann geschieht, lässt sich derzeit nur erahnen. Brennende Ministerien und Banken, Straßenschlachten, ein Eingreifen des Militärs und die Errichtung eines faschistischen Regimes in Athen sind ebenso möglich wie ein auf andere südeuropäische Länder übergreifender Flächenbrand, der sich in länderübergreifende Bürgerkriege verwandeln könnte.

Doch ganz egal, ob globaler Crash oder soziales Chaos: Auf jeden Fall wird der Lauf der Ereignisse schon sehr bald in eine neue und überaus dramatische Phase der Zeitgeschichte münden. Sie wird vom nackten Überlebenskampf verzweifelter, erniedrigter und gedemütigter Menschen gegen die an diesem Wochenende einmal mehr öffentlich zur Schau gestellte eiskalte Arroganz von politischen Betrügern geprägt sein und zeigen, dass deren Allmachtsphantasien inzwischen zu komplettem Realitätsverlust geführt haben.
Ernst Wolff


Ernst Wolff
ist freiberuflicher Journalist und Autor des Buches „Weltmacht IWF- Chronik eines Raubzugs“, erschienen im Tectum Verlag, Marburg
6 Kommentar(e)
Elisa am 08 August 2015 11:29 Uhr
Danke für Ihre klare und gut nachvollziehbare sachliche Analyse zum griechischen Ausverkauf. Sehe das genau so!

Tatsache ist auch, dass Griechenland von umfangreichen Öl- und Gasvorkommen in seinem umliegenden Meeren umgeben ist, die bei den Spekulanten Begehrlichkeiten wecken. Es geht mal wieder um Rohstoffe und strategische Platzierung.
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meckerkopf am 04 August 2015 17:59 Uhr
Es wird Krieg geben.Es fehlt nur noch ein Funken und er wird ausbrechen.
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wolfgang rund am 25 Juli 2015 04:11 Uhr
Und nun frage man oder stelle fest: Wer und was sind jene Aasgeier die Griechenland völlig ausnehmen und versklaven wollen?
Es sind immer genau die gleichen Kreaturen welche auch Russland ruiniern wollten, welche Deutschland, Europa und noch viele andere Staaten und Völker vernichten und/oder versklaven wollen. Es sind immer die gleichen Feinde !
Und wenn ein Volk sich gegen seine Vernichtung wehrt dann heisst es sofort: Antisemitten, Nazis oder Rechtsextrme.
Wolfgang Rund, mit Frau und zwei Kindern seit "vierunddreissig Jahren" ohne Grund- und Menschen-rechte. Opfer von BRD-Justiz- und Menschenrechtsverbrechen, bzw. von Verbrechen gegen jede Menschlichkeit und jedes Völkerrecht.
Wir leben in Frankreich im "geduldetem Assyl."
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Heinz Specker am 14 Juli 2015 16:17 Uhr
Herzlichen Dank für diesen außerordentlichen Artikel. Erwähnenswert wäre hier auch die strategische Bedeutung Griechenlands in der Energieversorgung. Griechenland besitzt in der Ägäis große fossile Energieträger, deren Abschöpfung in naher Zukunft erfolgen werden. Dies erachte ich als den Hauptgrund der Destabilisierung dieses wunderbaren Landes.
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Wolfgang S. am 14 Juli 2015 16:17 Uhr
Die griechische Regierung Tsipras/Varoufakis wendet die dramatische Methode an, die Theaterbesuchern oder aus dem Alexis-Sorbas-Film bekannt ist: Offenbarung durch Zusammenbruch, komplett auskotzen, damit ein echter Neuanfang möglich wird, ohne Lasten der Vergangenheit. Wer will mit Kettenraucher Junckers Kettenkrediten weiterwursteln, die nur den Bankstern nutzen? Wären jetzt die Griechen nicht, würde sich das von Übersee aufgezwungene Eurokratensystem noch lange nicht in all seiner Menschenverachtung und Schlechtigkeit zeigen und weiter vampirisieren. Die Griechen sind seit der Antike Europa, d.h. die Selbstmotivation, aber die Eurokraten sind das Gegenteil, ein orientalisches Introjekt, eine obrigkeitliche Tyrannei.
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Horst am 14 Juli 2015 16:17 Uhr
Abgrund? Wieso solche Übertreibungen, die lediglich die Medien noch mehr unglaubwürdig machen? Vom Eintritt eines Staates in den Euro bekommt man nichts mit. Warum sollte ein Austritt anders sein? In Griechenland kommen vielleicht bald wieder Drachmen aus dem Automaten, wie in der Schweiz die Franken. Die Regierung erklärt die Zahlungsunfähigkeit, die Schulden sind fort und alles geht wie bisher weiter.
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