Montag, Mrz. 27, 2017
04:42 Uhr


Expresszeitung.com – Jetzt abonnieren!
STARTSEITE / Geopolitik / Europa / Ach, Du arme Ukraine

Ach, Du arme Ukraine
Drucken

19 Mai 2014 Autor:  Jürgen Roth |   Kommentar(e): 5

Viele reden und schreiben momentan über die Situation in der Ukraine, ohne jemals dort gewesen  zu sein, ohne sich in den letzten Jahren intensiv mit der politischen und gesellschaftlichen Situation dort beschäftigt zu haben.

Wer hat sich denn, frage ich mich, vor dem Euro-Maidan im Winter 2013 mit der korrupten Regierung des Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch kritisch auseinandergesetzt? Oder mit den Oligarchen, die dessen System finanziell gestützt haben? Die rechte populistische Partei Swoboda gab es schon seit langem. Sie war Teil des parlamentarischen Systems, bekannt für nationalistische Ideologie. Aber sie spielte im politischen Geschehen der Ukraine keine besonders hervorragende Rolle. Sie war vielmehr Ausdruck der tiefen Unzufriedenheit mit der sozialen und politischen Situation in der Ukraine.

Denn es gab in der Ukraine bislang keine von Korruption unbelastete Partei bzw. keine entsprechenden Parteiführer. Die Frustration der Bürger führte schließlich zum Ruf nach wirklicher Demokratie und manifestierte sich durch die massenhaften Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan-Platz und dem lauten Ruf nach Demokratie und Freiheit. Es waren Hunderttausende, die sich an den Protesten beteiligten.

Die in der Ukraine sich bildende Zivilgesellschaft hat es daher verdient, dass sie nicht wieder von unterschiedlichen ideologischen Interessen und geostrategischen Überlegungen vergewaltigt wird, wie einst nach der orangenen Revolution im Jahr 2004..

Ach, Du arme UkraineRückblick

Konnte damals die einst vom Westen bis heute gehuldigte Julia Timoschenko die Hoffnungen auf demokratische Erneuerung erfüllen? Nein, sagen viele politische Beobachter. Ein klassisches Beispiel dafür: Es ist das Jahr 2005, wenige Monate nach der orangenen Revolution. Viktor Juschtschenko wurde zum Präsidenten der Ukraine gewählt und Julia Timoschenko Premierministerin.

Nachdem Juschtschenko die Regierung Timoschenko im August 2005 noch in höchsten Tönen lobte, beschuldigte er sie wenig später, sie habe ihre Amtszeit dazu missbraucht, sich von Schulden aus ihrer Zeit als Gas-Unternehmerin in den neunziger Jahren in Höhe von insgesamt 1,3 Milliarden Euro zu befreien. Es sei für ihn deshalb eine Frage der Ehre gewesen, sie zu entlassen.

Kurz danach entließ Viktor Juschtschenko, am 8. September 2005, die gesamte Regierung. Julia Timoschenko daraufhin: „Juschtschenko hat mir gesagt, dass ich meine Hand über sein Team halten soll. Aber wie kann ich das tun, wenn deren Hände ständig dabei sind etwas in der Ukraine zu stehlen.“

Das war das Ende des Traums einer demokratischen Erneuerung und Profiteur war Wiktor Janukowitsch und seine Partei der Regionen. „Die sind alle vernetzt. Sie sind wie Schlangen. Krawtschuk, Kutschma, Timoschenko, Janukowitsch.“ Damit umschreibt Grigori Omeltschenko, seit Anfang der neunziger Jahre einer der umtriebigsten Antikorruptionsexperten und ehemaliges Mitglied des ukrainischen Parlaments, die Situation in der Ukraine ziemlich genau. „Sie waren alle beteiligt, haben Geld gewaschen. Das ist ein Teil unserer Geschichte. Sie haben sich gegenseitig bekämpft – aber dann wieder zusammengearbeitet.“

Und genau das war und ist bis heute das ukrainische Problem. Eine politisch gesteuerte Justiz und bis zu den Euro-Maidan-Protesten durch Korruption und Machtmissbrauch geprägte Regierungen. Das zu ändern war das Ziel der ukrainischen Zivilgesellschaft, die sich über den Euro-Maidan artikulierte.

Die Lage heute

Natürlich wurden Teile der Euro-Maidan-Demonstranten von den USA finanziell unterstützt. Das mag man kritisieren, aber bis zu einem bestimmten Zeitpunkt standen die Demonstranten in Kiew einem mächtigen, teilweise kriminelle agierenden Staatsapparat gegenüber. Diese Verhältnisse sollte man immer im Blick haben wenn man heute von einer faschistischen Regierung in Kiew schwadroniert.  Solche Behauptungen sind Ausdruck sowohl von  blankem Unwissen sowie Ausdruck einer perfekten Propagandamaschine aus dem Kreml.

Und nur zur Erinnerung: Die Mitglieder des rechten Blocks, in der Tat eine rechtsradikale Vereinigung, hatten bei ihren Attacken gegen Regierungsgebäude in Kiew keine Panzerabwehrraketen, keine Schnellfeuergewehre – wie diejenigen im Osten der Ukraine, die gemeinhin als vom Kreml angefeuerte Separatisten bezeichnet werden. Und bisher unbewiesen ist wer für das Blutbad mit 80 Toten in Kiew verantwortlich ist, das schließlich zum Sturz der Regierung Janukowitsch führte. Ganz zu schweigen davon, dass es keine schwer bewaffneten westlichen Spezialeinheiten gab die auf dem Maidan in Kiew agiert hatten.

Im Gegensatz zu Sonderheiten des russischen FSB die sowohl auf der Krim und jetzt im Osten der Ukraine eine aktive Rolle bei der Destabilisierung der Ukraine spielen. Und ich erinnere mich noch gut als es um die Abspaltung der Krim kam. Damals hieß es lange Zeit, dort seien bei den Aktionen für die Abspaltung keine russischen Einheiten aktiv geworden, sondern es war der Wille der dort lebenden Menschen. Das wurde auch hier in Europa so vermittelt. Als dann der russische Präsident selbst zugab, dass seine Einheiten dort aktiv waren, hörte man nichts mehr von diesen Widersprüchen.

Für wen soll eigentlich Verständnis aufgebracht werden?

Vergessen sollte man eines nicht, gerade wegen der mysteriösen Sympathie für Wladimir Putin, die besonders in Deutschland ausgeprägt ist und gegenüber dem selbst viele Ex-Politiker in Deutschland, von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder bis Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, besonders warme Worte finden. Das die Partei Die Linke ihn ans Herz geschlossen hat ist die Ironie der deutschen Geschichte. Stellen wir doch einmal ganz nüchtern fest: Putin ist nicht einmal ansatzweise ein Mann der mit den vielen Widersprüchen einer demokratischen Gesellschaft etwas anfangen kann.

Er hat in den letzten Jahren ein System der politischen Unterdrückung installiert in dem demokratische Freiheiten, Presse- und Meinungsfreiheit zum Beispiel auf die wir in den demokratischen Staaten zu Recht stolz sind, mit Füssen getreten werden – fundamentale Menschenrechte eben nicht mehr vorhanden sind, die Mehrheit der Bevölkerung in Armut lebt und korrupte Staatsbedienstete im Ausland ihre Konten haben, gefüllt mit Millionen Euro. Von den Oligarchen und den korrupten Beziehungen des Kreml zu ihnen wollen wir ja überhaupt nicht reden.

Ähnliche schmierige Beziehungsgeflechte gibt es, leider, auch in den demokratischen Staaten, aber es gibt in den demokratischen Staaten zumindest eine politisch unabhängige Justiz in weiten Teilen und eine pluralistische Presse. Nur zur Erinnerung: Es gibt keine freie Presse in Russland. Sie ist vom Kremls gesteuert. Sie ist ein politisches Instrument, eine zentrale Waffe im Kampf um die ideologische Deutungshoheit. Dabei geht es nicht um Gut oder Böse, sondern um die zentrale politische Systemfrage der Gegenwart und der Zukunft: um demokratische oder autoritäre Staatsformen. Und wer das bezweifeln sollte, dem ist in der Tat nicht mehr zu helfen.

Das rechte nationalistische Potential

Jedem kritischen Bürger hätte auffallen müssen, wonach gerade rechtsextreme Parteien in Europa heute Wladimir Putin und sein autoritäres System unterstützen. Das steht nämlich im Widerspruch zu den Behauptungen aus dem Kreml und ihren Sprachrohren in Deutschland, wonach die derzeitige Regierung in Kiew eine faschistische und neo-nazistische Junta sei.
Im russischen Parlament, der Duma, ist zum Beispiel eine rechtsradikale antisemitische Partei vertreten, die Liberaldemokratischen Partei von Wladimir Schirinowski. Er ist zudem stellvertretender Parlamentssprecher. Zu seinen Forderungen gehört die Wiederherstellung der russischen Reichsgrenzen von 1917, mit Finnland, Weißrussland und der östlichen Ukraine. Und fordert konsequent in seinem Denken die Vereinigung von Nord-Korea mit Russland.

In einem Interview erklärte er im Jahr 2011 zudem: „Ein Russland mit einem Haufen Geld, Ressourcen und neuen Waffen, von denen niemand weiß. Mit diesen Waffen werden wir jeden Teil der Erde innerhalb von 15 Minuten vernichten. Keine Explosion, keine Strahlen, keine wie auch immer gearteten Laser, keine Blitze. Aber eine sehr stille, friedliche Waffe. Ganze Kontinente werden für immer in Schlaf versetzt. Und das ist alles.“ Irgendwie verständlich, dass auch laut Schirinowski der Terroranschlag in New York am 11.September 2001 von der US-Regierung inszeniert wurde. Übrigens eine ebenfalls in Deutschland weit verbreitetes Argument in der kruden Weltsicht mancher Bürger.

Und was das im Kreml geförderte Weltbild angeht, dafür steht Alexandr Dugin, ein rechter Vordenker mit direktem Draht in den Kreml und Dauerpräsenz im russischen TV. Er ruft derweil in seinem Blog zum „Endkampf“ auf - „nach den Verbrechen, die von ukrainischen Neonazis unter dem Dienst des Judenschweins Igor Kolomoysky in Odessa und Kramatorsk“ verübt wurden: „Diese Scheiße muss sterben. Ich sehe keine andere Lösung. Die Grenze ist überschritten.”

Der Gründer, Chefideologe und Vorsitzende der sogenannten Internationalen Eurasischen Bewegung verfügt über Zugang zu höchsten Regierungs- und Parlamentskreisen. Er verkündet zum Beispiel: „Die USA stehen für das schlimmste vorstellbare Gesellschaftsmodell überhaupt, denn es betreibt die absolute Entartung der menschlichen Würde.“ Das erklärte er in einem Interview im Mai 2013.  Und weiter: „Die Mehrheit der Russen ist in der Frage mit mir einer Meinung. Vielleicht ist es sogar vielen gar nicht so bewusst, aber es gibt ein starkes Gefühl der Abneigung gegenüber dem westlich- liberalen Modell. Und das Gefühl sagt: Es stimmt etwas nicht mit dem Westen, nicht nur mit den USA oder Europa, sondern mit dem gesamten westlichen Wertekanon.“

Dabei deutete sich seine Affinität zum deutschen Nazismus bereits in seinem ersten und womöglich wichtigsten programmatischen Artikel „Der Große Krieg der Kontinente“ von 1992 an, so Andreas Umland, ein anerkannter und unabhängiger Russlandexperte. Darin legt Dugin seine Interpretation der jüngeren Menschheitsgeschichte dar, welche von den Machenschaften der uralten geheimen Orden der „Atlantiker“ und „Eurasier“ geprägt sei, die sich seit Jahrhunderten in einem „okkulten punischen Krieg“ befänden. „Innerhalb des „eurasischen“ Lagers habe es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die „roten“ und „weißen Eurasier“ gegeben, wobei Letztere in Europa dem deutschen Nationalismus nahe gestanden hätten: „Wir finden die Vertreter dieses [eurasischen] Ordens in der [Naziorganisation] Abwehr und später in den ausländischen Sektionen der SS und des SD (besonders im SD, dessen Chef Heydrich selbst ein überzeugter Eurasier war, weshalb er ein Opfer der Intrige des Atlantikers Canaris wurde).“ Der abstruse Artikel endet mit den Worten: „Schon schlägt die entscheidende Stunde Eurasiens [...]. Schon naht der Große Krieg der Kontinente sich dem Endpunkt.“

Andreas Umland schreibt in der angesehenen Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“, übrigens eine eher links orientierte Zeitschrift: „1998 wurde er für einige Jahre offizieller Berater von Gennadi Selesnjow, damals Sprecher des Unterhauses des russischen Parlaments, der Staatsduma. Heute sind einige prominente politische Figuren Russlands Mitglieder des „Höchsten Rates“ von Dugins Internationaler Eurasischer Bewegung, so unter anderem der Vizesprecher des Föderationsrates, das heißt des Oberhauses des russischen Parlaments, Alexander Torschin, sowie der Kulturminister der Russischen Föderation, Alexander Sokolow.“ Dazu gehören außerdem, so Andreas Umland, zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten aus dem akademischen und öffentlichen Leben, der Präsident der Nationalen Assoziation der Fernseh- und Radiosender und Mitglied der Verwaltung der Russischen Akademie für Fernsehen, Eduard Sagalajew, sowie das Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation und Vizepräsident der Gesellschaft der Georgier in Russland, Sewerjan Sagarischwili.

Die Propagandamaschine

Es ist übrigens genau diese verschwörungstheoretische Ideologie, verbunden mit einer antisemitischen Kapitalismuskritik, die in Deutschland zahlreiche Anhänger gefunden hat, unter anderem bei den sogenannten „Montagsdemonstrationen“ einer sich selbst ernannten Friedensbewegung. Für wen demonstrieren sie denn? Wissen sie wirklich nicht vor wessen politischen Karren sie gespannt werden? Geradezu typisch für die Desinformation ist folgender Vorgang. Da konnte man im Internet und entsprechenden Foren über Pawel Gubarew lesen, den selbst ernannten Volksgouverneur im Donezk: „Jetzt wurde vermutlich von der Fascho-Regierung und ihren SA ähnlichen Milizen der Ukraine in Donezk der Wortführer der antifaschistischen Proteste in Kiew nämlich der sogenannte Volksgouverneur Gubarew verhaftet und verschleppt. Der Aktivist befindet   sich an einem unbekannten Ort.“ 

Das war im März 2014. Moskau bezeichnete ihn als politischen Gefangenen und forderte seine Freilassung. Inzwischen ist Pawel Gubarew wieder frei, ausgetauscht gegen Angehörigen des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Er ist also eine Art Volksheld für die Separatisten, für den Kreml und für Teile der linken Bewegung auch in Deutschland. Es kostet eigentlich wenig Zeit sich mit seiner Biografie zu beschäftigen. Gubarew war zum Beispiel Mitglied der Neo-Nazi-Partei Russische Nationale Einheit und dort in deren paramilitärischen Gruppe aktiv. Kennzeichen dieser Partei ist eine Art Hakenkreuz. Aufgefallen ist die Partei durch ihre Fremdenfeindlichkeit, den Antisemitismus und ihr Kampf für die russische Rasse.

„Das sind keine Menschen", erklärt zum Beispiel Denis Puschilin, einer der Separatisten-Führer im Osten der Ukraine zu den ukrainischen Truppen die von schwadronierenden Separatisten bekämpft werden, weil sie die nationale Souveränität des Landes wieder herstellen wollen und – weil es keine Alternative gibt – auch mit Waffengewalt. Denis Puschilin, ein junger bislang unbekannter Unternehmer, träumt von einem großen slawischen Staat, Russisch sein ist keine Nation, sondern man trägt das in sich. Und im Notfall will er Putin bitten, ein "Friedenskontingent" zur Hilfe zu schicken. Wjatscheslaw Ponomarjow in Slawjansk, der sich zum Führer der Separatisten in Slawjansk selbst ernannt hat, hingegen kündigt an, die "faschistische Junta" in Kiew auszulöschen. 

Genährt wird das alles von der russischen Staatspropaganda. Da wird in den russisch dominierten Medien kühn behauptet, die ukrainische Juden seien in Panik wegen Pogromen. „Das ist völliger Unsinn“, kommentiert Schimon Priman von Jüdische Gemeinde Kiew russische TV-Berichte über angebliche Todesangst und systematische Gewalt gegen Juden in der Ukraine. Über Premierminister Arsenij Jazenjuk heißt es in einem Film mit dem Titel „Agent des Geheimordens“: In der Schule nannten sie ihn „Hosenpisser“, er „riecht immer nach teurem Parfüm“, er „macht keinen Hehl daraus, dass er der Drahtzieher der blutigen Ereignissen in der Ukraine ist, und befiehlt, auf Russen zu schießen; dass er die Faschisten unterstützt und träumt, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs“ umzuschreiben.  Sodann erzählt der Sprecher, Jazenjuk sei Mitglied von Scientology.  

Schließlich heißt es, für eine gründliche Bewertung des Regierungschefs müsse man seine „jüdische Herkunft in Betracht ziehen“: Als Jude mütterlicherseits gehöre er zu den 50 wichtigsten Zionisten der Ukraine. Schließlich sei er auch ohne entsprechende Konfession nach jüdischen Gesetzen ein Jude. Oder es wird verkündet, dass die Regierung in Kiew Konzentrationslager errichten würde.

Ach, Du arme Ukraine 1

„Belegt“   wurden die Berichte mit Bildern von Baustellen und Archivaufnahmen von Konzentrationslagern im Dritten Reich: „Bezahlt werden die Bauarbeiten mit Geld von der Europäischen Union. Auftraggeber ist das Innenministerium in Kiew. Das Objekt befindet sich unter persönlicher Kontrolle des Anführers der Faschisten Awakow, der von der Junta als sogenannter Innenminister eingesetzt wurde. Nach inoffiziellen Informationen wird das Konzentrationslager für politische Gefangene eilig errichtet, die mit der Machtergreifung in Kiew nicht einverstanden sind.“

Am 28. April erklärte das Moskauer Außenministerium ganz offiziell seine „äußerste Besorgnis“ wegen der Bauten, „die laut Medien sehr an Konzentrationslager erinnerten.“ Oder der Vorgang um das Progrom in Odessa am 2. Mai 2014. Im Internet wurde in diversen Sprachen via Facebook der Augenzeugenbericht eines ukrainischen Arztes veröffentlicht. Angeblich beschreibt darin der jüdische Mediziner Igor Rozovskiy, wie er am Freitag von ukrainischen Nationalisten daran gehindert wurde, erste Hilfe bei der Brandkatastrophe von Odessa mit 46 Toten zu leisten. Man habe ihn bedroht, ohn als Juden stehe ebenfalls die Verbrennung bevor. Dumm nur das sich dann herausstellte, dass es keinen einzigen Arzt in der Millionen-Stadt Odessa am Schwarzen Meer gibt, der Igor Rozovskiy heißt. Es gibt dort nicht einmal einen Arzt, der so aussieht. In Wirklichkeit handelte es sich um den Zahnarzt Ruslan-Hadschi-Muratowitsch Semjonow aus dem Nord-Kaukasus. Das ändert jedoch nichts daran, dass ein aufgehetzter Mob ukrainischer Nationalisten für das Progrom mitverantwortlich war. Der Hass kannte  an diesem 2. Mai 2014 keine Grenzen.

Es zweifelt übrigens niemand daran, dass sich im Westen der Ukraine ein nationalistischer Mob immer wieder Gehör verschaffen kann, ein Hass der selbst vor Menschenleben nicht halt macht. Es waren zum Beispiel unsägliche Sätze die im März 2014 von der Präsidentschaftskandidatin Julia Timotschenko geäußert wurden. „Ich bin bereit eine Kalaschnikow in die Hand zu nehmen und dem Dreckskerl in den Kopf zu schießen“. Es ist die gleiche „schöne Julia“ die im Jahr 2005 Putin noch als „wunderbaren, würdigen Führer“ beschrieb auf den Russland stolz sein könne.

Und das in der Tat Mitglieder der rechten Swoboda-Partei an der Regierung beteiligt sind ist unentschuldbar, aber in den Zeiten des radikalen Umbruchs verständlich. Der  faschistische „rechte Sektor“ übrigens hat in der Ukraine eine Zustimmung von 0,5-2 Prozent der Ukrainer. Mit der ständigen Behauptung diese Rechtsradikalen würden in Kiew regieren wird ausgeblendet, dass im ukrainischen Parlament durchaus viele Abgeordnete sitzen, die eine demokratische Gesellschaft anstreben. Und insbesondere gibt es viele junge Ukrainer in der Regierung wie in den Medien und im Staatsapparat, die für strukturelle demokratische Verhältnisse auch in der neuen Regierung kämpfen. Sie sollten unterstützt werden und nicht die von Moskau gesponserten demokratiefeindlichen Nationalisten im Osten der Ukraine, die die soziale Lage für ihre eigenen Interessen ausnutzen. Für diese soziale Lage war in den letzten Jahren übrigens der nach Russland geflüchtete ehemalige Staatspräsident Viktor Janukowitsch verantwortlich, der heute die Separatisten unterstützt.

Artikelbild: © bradcalkins - Fotolia.com



5 Kommentar(e)
SK am 21 Mai 2014 10:17 Uhr
Ein netter Versuch, die Realität "sanft" zu verdrehen, allerdings kann das angesichts der schieren Menge an unhaltbaren Lügen leider nicht funktionieren.

Fakt ist: in Kiew sitzen nun militante Faschisten in der sogenannten "Regierung" und diese gehen nun gegen das größtenteils unbewaffnete Volk im Osten mit schweren Waffen vor, mittlerweile werden sogar Wohngebiete beschossen. Dass sich das Volk gegen bekannte Nazis wehrt, ist wohl selbstverständlich.

Dies kann man weder verneinen noch anders verkaufen, denn es ist ganz offensichtlich, sowie jederzeit nachprüfbar - es gibt jede Menge gut dokumentiertes Material, wobei schon einige Interviews der ukrainischen Nazi-Minister auf Youtube ausreichen dürften, in denen sie offen zur Eliminierung von Russen, Juden und Kommunisten aufrufen. Der Massenmord in Odessa vor ein paar Wochen durch Nazi-Schergen ist Ihnen wohl auch komplett entgangen.

Weiteres dürfte mittlerweile so ziemlich jedem bekannt sein, daher enthalte ich mich weiterer Beispiele. Eines möchte ich dem gelenkten Schreiberling mitgeben - schämen Sie sich, Sie kriegstreibender Faschistenversteher! Sie versuchen hier, Massenmord und Faschismus rein zu waschen! Mögen Ihre Kinder eines Tages ihren Nachnamen ändern wollen, um sich von Ihnen zu distanzieren.
Antworten
Holger am 21 Mai 2014 08:21 Uhr
Ich konnte den Artikel nicht bis zu Ende lesen, sonst hätte ich mein Essen auf der Tastatur wiederbegrüßt. Und ich will mich auch nicht wirklich groß aufregen, ist doch diese Form von Tatsachenverdrehung mittlerweile Standard bzw. die realen Fakten sind bekannt oder auch recherchierbar.
Antworten
Holger. O am 20 Mai 2014 17:08 Uhr
Ich kann mich nur wundern, wie man sich soweit von der Realität verabschieden kann, obwohl mit der Live-Videoübertragung vom Maidan für nahezu Jedermann die Faktenlage per Bild und Ton mit zuverfolgen war.
Antworten
David am 20 Mai 2014 15:23 Uhr
Ein interessantes Stichwort: Wir sahen sehr wohl Bild und Ton, aber welche Bilder und welche Stimmen? Glauben Sie mir, dort sind Profis am Werk. Da steht im Vorfeld das Drehbuch schon fest. Hier die friedlichen Prowestler, Familien, Kinder, schöne Musik. Dann - Scenenwechsel - dort die bösen Prorussen, nur Männer, agressiv, sehen aus wie Neonazis, böse Musik. Dann Schnitt, und ab ins Studio wo die Sprecherin diesen kurzen Ausschnitt als repräsentativ beschreibt. Wer aber genau hinsieht und auf die Details achtet, durchschaut die Propaganda. Die "Prorussen" sind nur ein kleines Grüppchen - quasi Statisten im Film :-) weiter hinten sieht man genau so friedliche Demonstranten auf dieser Seite, aber nur wenn man in den paar Sekunden darauf achtet! Die Scene ist überhaupt nicht repräsentativ!
Übrigens haben ja prowestliche Neonazis den gewählten Präsidenten mit Gewalt aus dem Amt geputscht und die heutigen Machthaber gefördert. Damit wäre ja wohl klar, wer Seite an Seite mit diesen ideologisch gefährlichen Leuten kämpft! Ich würde also eher Ihre Haltung als Naiv und gutgläubig bezeichnen bevor ich diese Ausführungen realitätsfremd nennen würde!
Antworten
Holger am 21 Mai 2014 08:09 Uhr
Ja ARD ZDF und wahrscheinlich sämtliche deutschsprachigen TV-Sender, die man im Kabel empfangen kann, arbeiten nach diesem (Betrugs-)Schema. Zum Glück gibt es aber das Internet und zum andern...Ich war in der Ukraine und kenne die Verhältnisse dort ganz gut. Wie gesagt man sollte nicht auf andere mit dem Finger zeigen, wenn man erst mal noch den Müll vor der eigenen Tür zu kehren hat!. Fakt ist auch das die USA provozieren und andere Länder bedrohen, in der Ukraine auch die Finger drin hat. Was bringt es den Europäern, wenn sie den Amis in den Allerwertesten krauchen?-> Frieden?
Antworten