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Bares Geld für freie Bürger    
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01 November 2014 Autor:  Klaus Lieber | Kommentar(e): 2

Kleine Dinge entfesseln oft stürmische Umwälzungen. Die Kärtchen aus Plastik mit Magnetstreifen und Chip verändern den Zahlungsverkehr und die sozialen Beziehungen grundlegend. Bis vor kurzem war das Bezahlen noch ein zwischenmenschlicher Akt . Das Geld wechselte von Hand zu Hand. Heute steht der Käufer vor einer Maschine, die seine Kreditkarte geräuschlos einzieht und wieder ausspuckt. Mit Lichtgeschwindigkeit wechseln Zahlen von einem Konto auf ein anderes. Basta! 

Bares Geld für freie Bürger


So einfach ist der moderne Geldtransfer für den Laien, dass ihn selbst Kleinkinder und Greise bewältigen, vorausgesetzt, sie haben den PIN-Code nicht vergessen. Kaum noch ein Laden, Restaurant oder Transportbetrieb, der es sich erlauben würde, auf ein Kartenlesegerät zu verzichten. Etwa die Hälfte aller Zahlungen im Detailhandel erfolgen bereits auf diesem Weg. Doch noch immer gibt es Menschen, die in ihrem Portemonnaie stur Banknoten und Münzen aufbewahren. Das möchte eine mächtige Gruppe von Politikern, Bank-Lobbyisten und Spionage-Bürokraten ändern. Sie zieht ins Feld gegen das Bargeld.

Die Propagandisten der Kreditkarte malen uns die Vorzüge des elektronisch fliessenden Gelds in satten Farben an die Wand: Der Bürger ohne Bares, so wird gesagt, ist besser geschützt vor Räubern und Dieben. Ohne Bargeld könne die Polizei Verbrecherbanden und Terroristen gezielter bekämpfen und die Steuerfahnder würden Betrügern und Geldwäschern schneller auf die Schliche kommen.

Auch der ehelichen Treue wäre gedient: Männer würden es sich dreimal überlegen ins Bordell zu gehen, müssten sie mit Karte zahlen. Selbst die Volksgesundheit, so lobpreisen die Bargeld-Gegner, würde profitieren; immerhin haben britische Forscher im Auftrag der Finanzfirma Mastercard entdeckt, dass sich auf einem einzigen Geldschein bis zu 30000 Bakterien tummelten. Kurzum, die Kreditkarte sorgt für Sauberkeit - hygienisch und moralisch.

Aber aufgepasst: so einfach ist die Sache nicht!

In Wahrheit geht es den Akteuren bei dieser Kampagne zunächst um handfeste eigene Interessen. Die Kartenunternehmen können bei jeder Bezahlung mitkassieren; zwar nur zwei oder drei Prozent, aber in der Masse ein lukratives Geschäft. Die Banken brauchen nicht mehr befürchten, dass vorsichtige Kunden in Krisenzeiten ihre Konten leeren und das Bargeld zu Hause unterm Bett verstecken. Schliesslich die Finanzpolitiker: sie werden zwar die schwerreichen Schwindler nicht zu fassen bekommen, doch die Legionen der kleinen Steuersünder werden ihnen ins Netz gehen, so hoffen sie.

Aber mit der Abschaffung des Bargelds verfolgt ein Teil der Mächtigen dieser Welt auch eine erschreckende Strategie: die Abschaffung der Privatsphäre und die Rückstufung des mündigen Bürgers zum totalüberwachten Untertan. Das klingt nach Übertreibung. Doch seit Edward Snowden, den die Regierung der USA als Verräter betrachtet, wissen wir, dass die Realität alle üblen Vermutungen zu bestätigen scheint. Die amerikanische Überwachungsagentur NSA beschnüffelt Menschen weltweit auf eine fast schon totalitäre Weise: sie liest Milliarden von Mails, hört Tag und Nacht Telefonate ab, besorgt sich Kundendokumente privater Unternehmen, durchstöbert die sozialen Foren im Internet. Und was die NSA vormacht, das haben vermutlich andere Geheimdienste längst nachgemacht.

Es erstaunt mit welcher Geduld wir heute diese Kontrolle hinnehmen. Welche Empörung gab es früher bei solchen Enthüllungen! Als in der Schweiz 1989 der sogenannte Fichenskandal aufflog, demonstrierten Zehntausende auf dem Berner Bundesplatz. Die Stasi in der einstigen DDR brachte die Bürger noch zur Weissglut. Dabei muten die Methoden der Schnüffler alter Schule, die von Hand oder mit klapprigen Schreibmaschinen ihre Observationen auf Karteikarten (Fichen) festhielten, aus heutiger Sicht stümperhaft und beinahe bemitleidenswert an.

Hat sich ein Spionagedienst Zugriff auf verschiedene grosse Datenquellen verschafft (Fachleute nennen dies „Big Data“), gibt es kaum noch Geheimnisse. Man kann sich leicht Beispiele erfinden: Da gibt es einen Herrn Meier, dessen Mobiltelefon verrät, dass er sich täglich von Thalwil nach Zürich per Bahn bewegt, doch Nachforschungen bei den SBB und der Bank zeigen, dass er kein Abonnement besitzt. Ergo: Ist Herr Meier ist ein notorischer Schwarzfahrer? Oder unser fiktiver Herr Müller: Er kauft regelmässig Bücher bei Amazon über Marx und Mohammed und sein Bankkonto verrät, dass er den Jungsozialisten und Greenpeace mehrfach Spenden überwiesen hat. Ergo: Könnte Herr Müller in die ökoterroristische Szene abrutschen? Solche Verdächtigungen auf Vorrat, wie abstrus auch immer, könnten bald zum Normalfall werden.

Die Freiheit des Einzelnen ist dauernd in Gefahr. Darum haben die Väter demokratischer Gesellschaften viele Sicherungen in die Gesetze eingebaut. Nur der Patient ist berechtigt über seine Krankheit zu reden (Arztgeheimnis), nur der Schreiber weiss, was in seinem Brief steht (Postgeheimnis), nur der Sünder soll darüber entscheiden, wem er seine Verfehlungen berichtet (Beichtgeheimnis), nur der Kunde darf nachschauen, wie viel Geld er gespart hat (Bankgeheimnis). All diese und weitere Geheimhaltungsregeln sollen die Privatsphäre vor willkürlichen Zugriffen schützen.

Vor allem das Bargeld ist ein Mittel, um unsere Intimsphäre und unser Recht auf persönliche Geheimnisse zu wahren. Es hinterlässt im Gegensatz zu Zahlkarten keine elektronischen Spuren. Das ist zweifellos seine wichtigste Qualität. Und um diese Eigenschaft geht der Kampf in seinem Kern.

Der Angriff aufs Bargeld ist ein Angriff auf den freien Bürger. Obschon die Staaten das Bargeld als einzig legales Zahlungsmittel herstellen lassen und in Umlauf bringen, versuchen sie neuerdings seine Verwendung einzuschränken. Das ist paradox. In Italien dürfen Beträge nur bis 1000 Euro bar bezahlt werden, in Griechenland sind es noch 1500 Euro, und Personen, die in von einem EU-Land ins andere reisen, müssen Bargeld über 10000 Euro anmelden.

In Schweden hat die Zukunft bereits begonnen. Dort gibt es Bankfilialen, die gar kein Bargeld mehr ausbezahlen. In vielen Kirchen Stockholms ersetzen Kreditkartengeräte bereits die Sammelbüchsen und Bettler, die eine Obdachlosenzeitung anbieten, akzeptieren nun auch Beiträge via Plastikkarte. Die Lesegeräte stellte ihnen eine Kreditkartenfirma zur Verfügung.

Gibt es kein Bargeld mehr, können die Finanzminister künftige Bankenkrisen per Knopfdruck erledigen. Man hätte zum Beispiel nur eine Zwangsabgabe von 10 Prozent auf allen Vermögen Europas erheben müssen und schon wäre die Schuldenkrise der EU behoben gewesen, errechnete jüngst der Weltwährungsfond. Ist kein Bargeld mehr im Umlauf, existiert nur noch Buchgeld, dann liesse sich eine solche teilweise Enteignung leicht und blitzartig vornehmen.

Wer die Freiheit schätzt, wer die Grossmacht und den Einfluss der Banken kontrollieren möchte, wer den Schnüffelstaat ablehnt, dem bleibt nur eines: Er nimmt ein bisschen Mühe auf sich und bezahlt bar.

 


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Klaus Lieber ist freier Journalist für die "Schweizer Familie" -

Bild von Philipp Rohner

2 Kommentar(e)
Michael am 02 November 2014 10:01 Uhr
Netter Artikel. Ich zahle schon 10 Jahre lang elektro-los, habe aber keine Illusionen darüber, damit den illegitimen Profiteuren eins auszuwischen. Z.B. kann heute auch Bargeld nicht entstehen, ohne dass nicht irgendjemand sich verschulden muss. Siehe Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Geldsch%C3%B6pfung#Bargeld
Was wir in Händen halten ist nur sichtbar gemachtes Geld, das zuvor als Giralgeld geschöpft wurde. Ausnahme: Münzen. Und wie frei bin ich noch, wenn ich täglich ein Chääreli voller Fünfliber mit mir 'rumschleppe, nur weil ich ein Exot bin, der schuldfreies Geld möchte?
p.s. es gibt einige unterstützenswürdige Bemühungen, die 1000er Note abzuschaffen
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schonfastschafend am 01 November 2014 22:24 Uhr
sehr umfassende saetze, ganz gut.
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