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Alayne Fleischmann - Whistleblowerin zum Finanzcrash    
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04 Dezember 2014 Autor:  Ueli Bachofen | Kommentar(e): 2

Vor einem Jahr, am 19.11.2013, gab das US Justizministerium bekannt, dass es zu einer aussergerichtlichen Einigung mit der JPMorgan Chase Bank gekommen ist, um ein strafrechtliches Verfahren wegen Handels mit faulen Immobilienkrediten (genauer: immobilienbesicherten verbriefungen) beizulegen.

Alayne Fleischmann - Whistleblowerin zum Finanzcrash

JPMorgan Chase hatte zugestimmt, 9 Milliarden US Dollar als Busse zu bezahlen und erhielt damit zivilrechtliche Immunität, ohne weitere Details zu den Vorgängen im Vorfeld des Börsencrashs 2008, noch verantwortliche Entscheider oder Mitarbeiter nennen zu müssen. Auch Massnahmen zur zukünftigen Vermeidung solcher "Fehler" wurden von den Gesetzeshütern nicht verlangt. Also grünes Licht für die Banken für business as usual?

Nach wie vor kommt es nämlich so zu keiner einzigen Anklage auf Seiten der Verursacher der Krise und, konkret, zu den mit dem Ausbruch 2008 in Zusammenhang gebrachten Deals mit faulen Immobilienkrediten. Nicht nur gab es keine Anklagen und damit auch kein Vefahren, bis heute wurden nichteinmal Verantwortliche genannt, geschweige denn Einblicke in die Mechanik des Betrugs auf operativer Ebene gegeben. Letzteres würde wenigstens zur Bildung eines Gefahrenbewusstseins bei Bankpersonal und in der Bevölkerung beitragen - scheinbar eine unerwünschte Vorsichtsmassnahme? Ist das noch fahrlässig oder vielleicht schon deutlich mehr?

Die 2013 vom Justizministerium in Absprache mit JPMorgan nicht genannte Kronzeugin Alayne Fleischmann hält das ganze inzwischen jedenfalls für absolut unverantwortlich und packt deshalb nun öffentlich aus.

Die verantwortungsbewusste Juristin aus Kanada wurde im März 2006 von JPMorgan Chase in New York als Deal Managerin eingestellt, also vor dem Ausbruch der aktuellen Finanzkrise. Bereits nach zwei Monaten bemerkt sie im Mai 2006 erste Unregelmässigkeiten bei der Prüfung von Darlehen im Zuge eines Personalwechsels bei einem ihrer Vorgesetzten. Dieser verpflichtet seine Untergebenen in der Folge zum absoluten Verzicht auf jeglichen Emailverkehr. "Wer trotzdem Emails verschickte wurde angeschrien und beschimpft", so Fleischmann.

Eine teure Geheimnistuerei, mag sich dazu ein US Bürger vor dem Hintergrund seiner nachhaltig geschädigten Volkswirtschaft inzwischen denken.

Ob die EU Bürger vielleicht irgendwann mal so oder ähnlich über ihr TTIP denken werden?

Zudem wurde man, so Fleischmann weiter, Ziel von massivem Mobbing in Form von Überstunden und wiederholter Überarbeitungen der Prüfungsberichte, falls die Berichte nicht zum erwünschten Ergebnis kamen. Konkret wurden Pakete mit 40 % Anteil an problematischen Darlehen auf unter 10 % "korrigiert", damit die Darlehenspakete zur Verbriefung und zum Weiterverkauf auf diese Weise, Zitat: "mit roher Gewalt", freigegeben werden konnten.

Fleischmann ging daraufhin zu ihren Vorgesetzten, um die strafbaren Verfahrensmängel zu melden, wurde jedoch jedesmal ignoriert. Die um ihren Arbeitgeber und dessen Kunden besorgte Anwältin wandte sich dann sogar vertrauensvoll an das Justizministerium, wurde aber ebenfalls abgewimmelt. Anfang 2008 wurde sie dann entlassen und ging zurück nach Kanada.

Seit einem Jahr ist nun bekannt, dass sogar das US Justizministerium keine "geschäftsschädigenden Massnahmen" auf Basis von Fleischmanns Aussagen gegen JPMorgan Chase anstrebt.

Denn bei der zunächst hoch erscheinenden Busse von 9 Mrd. USD sind gemäss dem Deal mit dem Ministerium angeblich 7 Mrd. von der Steuer absetzbar und werden damit indirekt vom Steuerzahler ausgeglichen, so der investigative Journalist Matt Taibbi.

Politik und Finanzwirtschaft arbeiten also nach wie vor Hand in Hand - auf Kosten der Bevölkerung. Ob das wohl auf Dauer so gut kommt?

Kurzfristig nachweislich schon. Denn unmittelbar auf die aussergerichtliche Einigung mit dem Justizministerium im November letzten Jahres stieg der Aktienkurs von JPMorgan Chase um satte 6 %, das sind in etwa 12 Mrd. USD Wertzuwachs für die Aktionäre.

Aber auch der JPMorgan CEO James Dimon durfte sich freuen und ging wenige Wochen später mit 74 % Lohnerhöhung (auf insgesamt ca. 20 Mio. USD) und einem für alle sichtbaren "Weiter so" vom Aufsichtsrat ins aktuelle Jahr.

Währenddessen bereitet sich die mutige Alayne Fleischmann auf die Rache der Bank für ihre Veröffentlichung der Wahrheit vor und rechnet schon jetzt mit einer vernichtenden Klage und sogar mit dem Entzug Ihrer Anwaltslizenz:

"Ich kann alles verlieren [... aber] ich denke wir stehen an einem Punkt, an dem eine Menge Leute heraustreten sollten und sagen: 'Wir sind besorgt, wir wissen was los ist und wir wollen, dass jemand etwas dagegen tut'."

 
Artikelbild: Screenshot


2 Kommentar(e)
adam am 14 Januar 2015 05:23 Uhr
Finde es schade, dass zu wenige Menschen diese Problematik weiterhin so hin nehmen als währe nix gewesen
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stephan.stegmueller am 10 Dezember 2014 15:14 Uhr
Liebe Grüße - ist interessant
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